…du wirst niemals sehen, wie ich hier in dieser Welt besteh.
Als ich 18 war – und eigentlich Jahre zu spät – hat sich meine Mutter von meinem Vater getrennt. Sie hat es gemacht, weil ich ihr mit 17 sagte, wenn wir nicht gemeinsam auszögen, würde ich alleine gehen.
Mein Vater ist Alkoholiker und mittlerweile glaube ich ein paar Jahre trocken. Ich glaube, ich weiß es nicht. Es interessiert mich auch nicht so wirklich, denn er ist im Laufe der letzten 20 Jahre vom Vater zum Erzeuger geworden. Es ist nicht so, dass er körperliche Gewalt angewendet hätte, nein. Körperlich hat er mir, uns, nichts getan.
Er hat alles verloren. Seine Frau, seine Kinder, seine Arbeit, seine Wohnung. Und seiner Mutter hat er immer erzählt, dass meine Schwester und ich ihm das Geld aus der Tasche ziehen, anstatt ihr zu gestehen, dass er arbeitslos und Alkoholiker ist. Dabei habe ich auf meinen Unterhalt freiwillig verzichtet und meine Schwester hat irgendwann einfach nichts mehr bekommen und dann ist meine Mutter dafür aufgekommen.
Wir telefonieren dreimal im Jahr – mein Geburtstag, sein Geburtstag, Weihnachten. Die Gespräche dauern meist kaum 60 Sekunden. Und ich habe ihn zuletzt im Dezember 2009 gesehen (weil meine Oma zu ihrem 80. darauf bestand, dass sie mit der ganzen Familie feiert). Er ist ein fremder Mensch für mich. Es gab Momente in meinem Leben, da hätte ich gern einen Vater gehabt. Und ich habe ihn wirklich gehasst. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und er ist mir nur noch egal.
Seit Anfang des Jahres hat er wieder einen Internetzugang und hat meiner Schwester und mir seine E-Mail-Adresse geschickt. Darauf haben wir nicht reagiert. Dann kam mal eine technische Frage, die wir knapp beantwortet haben. Und dann fiel ich beinahe vom Stuhl, als ich eine Facebook-Anfrage von ihm bekam. Ich habe ignoriert (kann ich total gut), meine Schwester hat sie angenommen und ihm sämtliche Rechte entzogen.
Vielleicht will er Dinge wieder gut machen. Vielleicht ist ihm aber auch nur langweilig und er hat mit Facebook ein neues Spielzeug gefunden. Wenn er was über mich wissen will, dann soll er mich fragen.
Ein Mann, ein fremder Mann, der nichts über mich und mein Leben weiß. Er kennt nicht mein Lieblingsessen, welche Musik ich mag, war nicht da, wenn ich Liebeskummer hatte oder ein Regal anbringen wollte. Er weiß nicht, welche Filme ich toll finde, was meine Lieblingsfarbe ist, dass ich toll Spaghetti kochen kann. Er weiß nicht, wo ich in den letzten Jahren im Urlaub war, welche Länder ich gesehen habe, dass ich mal Fußball gespielt habe und jetzt Zumba tanze.
Vorgestern kam eine Nachricht “Hallo Lola, wie geht es dir?” und ich antwortete gewohnt knapp, dass es mir gut gehe und ich eine Menge um die Ohren hätte. Und dann wiederholte er seine Facebook-Anfrage. Und meine Gedanken drehten sich im Kreis. Wenn er wirklich interessiert ist und einfach keinen anderen Weg weiß? Wenn er weiß, dass er was falsch gemacht hat und ihm langsam die Zeit davon rennt, sein Leben wieder anständig zu ordnen (ich denke mal, ein paar Jahre Alkoholismus werden nicht spurlos an einem vorübergehen). Soll ich mich jetzt wirklich quer stellen und ihm diese – letzte? – Möglichkeit verwehren? Werde ich es nicht irgendwann bereuen? Wenn es zu spät ist?
Ich merkte, wie eine alte Wut in mir hochkam, weil er mich dazu brachte, dass ich mir solche Gedanken mache. Und dann machte ich es meiner Schwester nach und nahm die Anfrage zwar an, entzog ihm aber direkt die Möglichkeit, das Profil wirklich zu sehen. Er sieht nicht mehr als vorher. Wenn er also nicht nur Facebookfreunde sammelt, dann muss er über seinen Schatten springen.
Der Sänger Olli Schulz schrieb mal das Lied “Armer Vater” von dem es bei YouTube leider nur eine mäßige Coverversion gibt. Armer Vater, du wirst niemals sehen, dass ich werde, wie du niemals warst…